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Weidefleisch Hereford Rindfleisch

Geschichte der Rinderrasse Hereford

Ein historischer Bericht von den englischen Weiden zur globalen Dominanz

Die Entstehung einer globalen Ikone


Die Hereford-Rasse ist eine der weltweit führenden und am weitesten verbreiteten Fleischrinderrassen. Ihr charakteristisches rot-weißes Erscheinungsbild ist auf Weiden von den britischen Inseln bis zu den Steppen Südamerikas und den Weiten Australiens ein vertrauter Anblick. Dieser Bericht zeichnet die chronologische Entwicklung der Rasse nach – von ihren bescheidenen Anfängen im ländlichen England des 18. Jahrhunderts bis zu ihrer heutigen Position als Eckpfeiler der internationalen Rindfleischindustrie. Dabei werden die visionären Zuchtpioniere, die sozioökonomischen Triebkräfte und die strategischen Entscheidungen beleuchtet, die diesen bemerkenswerten Aufstieg ermöglichten.

Die Genesis in Herefordshire: Die Formierung der Rasse im 18. Jahrhundert


Die Entstehung der Hereford-Rasse im England des 18. Jahrhunderts war kein Zufall, sondern eine direkte Antwort auf tiefgreifende gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzungen. Die fruchtbaren Weiden und das gemäßigte Klima von Herefordshire boten ideale Bedingungen für die Rinderzucht. Doch der entscheidende Impuls kam vom immensen wirtschaftlichen Druck der Industriellen Revolution, der die Zuchtziele radikal verschob: weg vom reinen Arbeitstier, hin zu einem effizienten Lieferanten von hochwertigem Fleisch für eine rasant wachsende Bevölkerung.
 

Sozioökonomischer Katalysator: Industrielle Revolution und die Nachfrage nach Rindfleisch


Die wachsende städtische Bevölkerung während der Industriellen Revolution erzeugte eine massive und bis dahin ungekannte Nachfrage nach Rindfleisch. Dieser ökonomische Anreiz veranlasste die Landwirte in Herefordshire, ihre Zuchtstrategien zu überdenken. Sie begannen, ihre Rinder gezielt auf Merkmale wie effiziente Futterverwertung, hohe Erträge und zuverlässige Reproduktion zu selektieren.

Der ursprüngliche Phänotyp der Rinder in dieser Region war der eines schweren Zugochsen, dessen Erscheinungsbild den Rassen North Devon und Sussex ähnelte. Diese Tiere waren für ihre Kraft und Ausdauer auf dem Feld geschätzt. Doch die Pioniere der Hereford-Zucht erkannten das Potenzial, diese Robustheit mit der Fähigkeit zur schnellen Gewichtszunahme zu kombinieren – ein entscheidender Schritt, der die Rasse für immer verändern sollte.


Die Pioniere der Selektion und ihre Zuchtstrategien


Die Transformation des Hereford-Rindes vom Arbeitstier zum Fleischlieferanten wurde durch die visionäre Arbeit einiger weniger Gründungszüchter vorangetrieben. Ihre Methoden, die auf sorgfältiger Beobachtung und konsequenter Selektion basierten, legten den genetischen Grundstein für den späteren Welterfolg.

  • Benjamin Tomkins (Senior): Er gilt als der wichtigste Gründer der Rasse und begann seine Zuchtarbeit bereits 1742. Tomkins erkannte die seltene und wertvolle Fähigkeit einiger Ochsen, nach Beendigung ihrer Arbeitstage schnell und effizient an Gewicht zuzulegen. Indem er konsequent auf dieses Merkmal selektierte, transformierte er den Charakter der Rasse vom robusten Pflugochsen zu einem von Metzgern und Viehhändlern bevorzugten Fleischlieferanten.

  • John Price: Price baute auf der Arbeit von Tomkins auf und verfeinerte dessen Zuchtphilosophie. Über einen Zeitraum von fast 40 Jahren produzierte er durch konsequente Linienzucht seine eigenen Zuchtbullen. Diese frühe Strategie der Merkmalsfixierung half dabei, die gewünschten Qualitäten wie Form und Fleischansatz in seiner Herde zu etablieren und zu festigen.

  • Die Gebrüder Hewer (John und William): Ihnen wird ein Großteil des Verdienstes für die Etablierung des modernen Hereford-Typs zugeschrieben. Sie fixierten die heute charakteristische rot-weiße Färbung und züchteten auf einen größeren Rahmen sowie ein höheres Gewicht, während sie gleichzeitig die Qualität und Symmetrie verbesserten. Anstatt simpler Inzucht verfolgten sie eine hochentwickelte Strategie: Sie unterhielten fünf verschiedene Familien oder Linien innerhalb ihrer Herde und konnten durch gezielte Kreuzungen zwischen diesen Linien eine geschlossene Herde ohne negative Effekte züchten.

Zusammengenommen schufen diese Pioniere ein komplementäres Fundament: Tomkins lieferte die ökonomische Daseinsberechtigung (Fleischeffizienz), Price die Methode zur Merkmalsfixierung (Linienzucht) und die Gebrüder Hewer die unverwechselbare Markenidentität (Phänotyp).


Die Etablierung des ikonischen weißen Gesichts


Das weiße Gesicht (White Face) wurde zum unverkennbaren Markenzeichen der Hereford-Rasse. Über seinen genauen Ursprung gibt es verschiedene historische Theorien, die alle zur Etablierung dieses dominanten Merkmals beigetragen haben könnten:

  • Die Einkreuzung von weißen Rindern aus Wales: Eine Hypothese besagt, dass die Kreuzung der lokalen roten Rinder mit weißen walisischen Rindern zur Entstehung der Gesichtszeichnung führte.

  • Der Einfluss eines Bullen aus Yorkshire: Eine andere Theorie führt das Merkmal auf einen rot-weißen Bullen zurück, der um 1750 aus Yorkshire nach Herefordshire gebracht wurde.

  • Der Import aus Holland: Es gibt Hinweise darauf, dass vor 1771 rot-weiße Rinder aus Holland importiert wurden, die ihren genetischen Abdruck in der lokalen Population hinterließen.

  • Ein weißgesichtiges Bullenkalb: Einige Autoren betonen die Bedeutung eines weißgesichtigen Bullenkalbes aus der Herde der Familie Tully, das später viele Nachkommen mit diesem Merkmal zeugte.

Unabhängig vom genauen Ursprung wurde das weiße Gesicht zu einem globalen Markenzeichen, das die Identität der Rasse prägte. 


Die transatlantische Expansion: Etablierung in Amerika im 19. Jahrhundert


Die Expansion nach Nordamerika im 19. Jahrhundert war ein Wendepunkt für die Hereford-Rasse. Die Vereinigten Staaten wurden nicht nur ein neuer Markt, sondern das entscheidende Sprungbrett für die weltweite Dominanz. Hier wurden die in England entwickelten Eigenschaften unter Beweis gestellt, verfeinert und für eine globale Verbreitung vorbereitet.


Die ersten Importe und Wegbereiter


Die Etablierung der Hereford-Rasse in den USA ist eng mit dem Engagement einiger weitsichtiger Persönlichkeiten verbunden, die das Potenzial der Rasse erkannten und förderten.

  • Henry Clay (1817): Der Staatsmann Henry Clay initiierte den ersten Import von Hereford-Rindern nach Kentucky und legte damit den Grundstein für die Präsenz der Rasse auf dem nordamerikanischen Kontinent.

  • W. H. Sotham und Erastus Corning, Jr. (1840): Ihre Importation einer größeren Zuchtherde nach Albany, New York, gilt als die eigentliche Grundlage für den modernen amerikanischen Bestand. Diese Tiere bildeten den genetischen Pool, aus dem viele spätere Herden hervorgingen.

  • T. L. Miller (ab 1872): Miller spielte eine entscheidende Rolle als Förderer und Vermarkter der Rasse. Mit seiner Zuchtherde in Beecher, Illinois, und durch umfangreiche Ausstellungen auf Messen machte er die "White-Faces" bei den Viehzüchtern im westlichen Weideland populär. Sein Einfluss trug maßgeblich dazu bei, die Rasse von der Ostküste in die aufstrebenden Rinderzuchtgebiete des Westens zu bringen.


Die Institutionalisierung der Zucht: Die American Hereford Cattle Breeders' Association


Der wachsende Erfolg und die zunehmende Verbreitung der Rasse erforderten eine organisierte Struktur, um Zuchtstandards zu sichern und die weitere Entwicklung zu fördern. Die Gründung der American Hereford Cattle Breeders' Association (AHA) im Jahr 1881 in Chicago war ein Meilenstein. Auf der Grundlage der Vorarbeit von T. L. Miller, der bereits mit der Erstellung des American Hereford Record begonnen hatte, führte die AHA ein offizielles Herdbuch ein.

Diese Institutionalisierung schuf die Grundlage für den organisierten Aufstieg der Rasse in Nordamerika. Durch die Standardisierung von Zuchtzielen und die Dokumentation von Abstammungen wurde die genetische Qualität gesichert und das Vertrauen der Züchter gestärkt. Die AHA festigte die Marktposition der Rasse und schuf die Strukturen, die ihren globalen Siegeszug im 20. Jahrhundert ermöglichten.


Globale Verbreitung und züchterisches Erbe


Die in England entwickelten und in Amerika gefestigten Eigenschaften prädestinierten die Hereford-Rasse für eine weltweite Expansion. Ihre ökonomischen Vorteile und ihre genetische Robustheit machten sie zur idealen Wahl für Züchter auf allen Kontinenten.


Eine Rasse für alle Klimazonen


Die außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit ist ein Schlüsselfaktor für den globalen Erfolg der Hereford-Rinder. Ihre Robustheit ermöglicht es ihnen, unter den verschiedensten klimatischen Bedingungen zu gedeihen. Sie hat sich sowohl in der arktischen Kälte Kanadas als auch in der tropischen Hitze und den heißen Steppen Argentiniens bewährt. Ob extreme Kälte oder Hitze – die Rasse bewies eine bemerkenswerte Fähigkeit, ihre Produktivität und Gesundheit unter extremen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Heute ist die Rasse in über 60 Ländern mit mehr als sieben Millionen registrierten Tieren verbreitet. Diese beeindruckende Zahl ist ein klarer Beleg für ihre genetische Überlegenheit und ihre wirtschaftliche Bedeutung in der globalen Rindfleischproduktion.


Das Vermächtnis der Pioniere in der modernen Zucht


Die ursprünglichen Zuchtziele – Effizienz, Robustheit, Fruchtbarkeit und Fleischqualität – prägen das Erbe der Rasse bis heute. Die von Züchtern wie Tomkins und Hewer durch Linienzucht etablierten Eigenschaften bilden die Grundlage für die heutige Reputation als pflegeleichte und wirtschaftliche Rasse, die sich ideal für die extensive Weidehaltung und Kreuzungsprogramme eignet. Benjamin Tomkins' ursprüngliche Selektion auf effiziente Gewichtszunahme nach der Arbeit findet ihre moderne Entsprechung in der dokumentierten Überlegenheit der Rasse bei der Futterverwertung. So können Hereford-Rinder bis zu 13 Wochen früher schlachtreif sein als kontinentale Rassen, was die Futterkosten drastisch reduziert.

  • Effizienz: Hohe Futterverwertung, die eine schnelle Gewichtszunahme bei geringeren Betriebskosten ermöglicht und die Grundlage für eine nachhaltige, weidebasierte Produktion bildet.

  • Robustheit und Langlebigkeit: Geringe Krankheitsanfälligkeit und hohe Konstitution, was zu niedrigeren Tierarztkosten und einer längeren Nutzungsdauer der Mutterkühe führt.

  • Fruchtbarkeit und Mütterlichkeit: Leichtkalbigkeit und exzellente Mutterinstinkte, die hohe Aufzuchtraten sichern und den Arbeitsaufwand für den Züchter minimieren.


Die Evolution der Selektion: Von der visuellen Beurteilung zur Genomik


Während die fundamentalen Zuchtprinzipien der Pioniere Bestand haben, haben sich die Methoden der Selektion revolutioniert. Die visuelle Beurteilung wurde durch eine datengestützte Präzisionszucht ergänzt, die auf Expected Progeny Differences (EPDs) basiert. Diese Zuchtwerte quantifizieren das genetische Potenzial eines Tieres für eine Vielzahl von Merkmalen und ermöglichen es Züchtern, den Zuchtfortschritt gezielt zu steuern.

Wichtige EPDs wie Calving Ease (CE) und Maternal Milk (MM) setzen die historischen Ziele der Fruchtbarkeit und Mütterlichkeit fort, während Schlachtkörper-EPDs für Marbling (MARB) und Ribeye Area (REA) eine direkte Selektion auf die Fleischqualität ermöglichen. Der moderne Fokus hat sich zudem auf funktionale Merkmale ausgeweitet, die Langlebigkeit und geringen Haltungsaufwand gewährleisten. EPDs für Udder Suspension (UDDR) und Teat Size (TEAT) optimieren die Euterqualität, sichern die Kälberaufzucht und bestätigen den Ruf der Rasse für exzellente Muttereigenschaften. Dieser Übergang von der Kunst der visuellen Selektion zur Wissenschaft der Genomik zeigt, dass das Erbe der Hereford-Pioniere nicht nur bewahrt, sondern durch moderne Technologie präzisiert und beschleunigt wird.
 

Fazit


Die historische Entwicklung der Hereford-Rasse ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte von züchterischer Vision und wirtschaftlicher Anpassungsfähigkeit. Die wichtigsten Meilensteine ihres Aufstiegs waren die gezielte Formierung als Antwort auf die ökonomischen Anforderungen im England des 18. Jahrhunderts, die visionäre Arbeit der Zuchtpioniere, die den Grundstein für Effizienz und Fleischqualität legten, sowie die erfolgreiche Etablierung in den Vereinigten Staaten durch engagierte Förderer. Ihre einzigartige genetische Anpassungsfähigkeit ermöglichte schließlich eine beispiellose globale Verbreitung. Der Weg von der visuellen Selektion der Pioniere zur datengestützten Präzisionszucht des 21. Jahrhunderts, einschließlich des bewussten Managements genetischer Kompromisse wie dem Augenkrebsrisiko, unterstreicht eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Die Geschichte des Hereford-Rindes ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie gezielte Zucht und wirtschaftliche Weitsicht eine lokale Landrasse zu einem Eckpfeiler der weltweiten Rindfleischindustrie machen können.

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